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Bürgerforum im ORF als Placebo? Drucken E-Mail
Mittwoch, 22. Oktober 2008 um 10:54

Nun hat sich der ORF zu einem Neustart des Bürgerforums „jetzt rede ich“ durchgerungen. Ursprünglich war das Format zehn Mal im Jahr geplant. Stattdessen findet die Sendung nach zehn Monaten ihr zweites Debüt. Nicht neu hingegen wird sein, dass einige Bürger/innen im ORF reden können – allerdings: nützen wird es leider nichts. Denn mehr als eine Ventilfunktion – Dampf ablassen – kommt den Bürger/innen im Bürgerforum nicht zu.


Das Thema „Bankenkrise – Was passiert mit meinem Geld“ eignet sich dafür hervorragend. Die parlamentarischen Beschlüsse sind gefasst – jetzt dürfen Bürger/innen antreten, um von selbsternannten Experten zu hören, dass sie von Finanzwirtschaft keine Ahnung haben. Warum es trotz hochkarätiger (K-)Experten überhaupt zu einer solchen Krise kam, wird allerdings weiter im Dunkeln bleiben.

Conclusio: Der ORF wird sich als das darstellen, was er nicht ist: Ein bürger/innen-nahes Medium (siehe auch: Wahl des Publikumsrates, in dem die zahlenden Bürger/innen mit 6 von 35 Sitzen vertreten sind). Und die Demokratie-Unmündigkeit hat schon der Ex-General des ORF, Gerhard Zeiler, mit einem hehren Spruch dokumentiert: „...ist das Fernsehen dank seiner dichten Verbreitung das Medium aller und deshalb das demokratische Medium schlechthin.“ Besser kann man Demokratie kaum ad absurdum führen.

Die – von Berufspolitiker/innen gesteuerten – Experten bekommen ihren TV-Auftritt. Und können dem „kleinen, fleißigen Mann von der Strasse“ vorführen, wie man relativ einfache Vorgänge so verkomplizieren kann (der 2-bit-Komplikator lässt grüßen), dass fast allen der Mund vor Staunen offen bleibt. Trost findet man bei einem Spruch von Albert Einstein: „Du hast erst dann etwas richtig verstanden, wenn Du es Deiner Großmutter erklären kannst“.

Die in sicherer Deckung verbleibenden Berufspolitiker/innen können jederzeit auf die Aussagen der Experten verweisen und sich in der Pilatus-Haltung (ich wasche meine Hände in Unschuld) bequem einrichten. Und das im Sinne der demokratieverachtenden Einstellung, wie sie für die ÖVP der Abgeordnete Ferdinand Meier zusammengefasst hat: „Hände falten, Goschen halten“. Oder als Josef-Cap-Placebo: „Ich sehe nicht Millionen demokratiegeiler Bürger, die sich nach der Arbeit noch engagieren wollen.“

Das Bürgerforum als Placebo?
Warum nicht? Auch Placebos zeigen manchmal eine Wirkung; wenn auch nicht jene, die den Anwendern von den Verabreichern eingeredet wurde. Die Wirkung könnte nämlich auch darin bestehen, dass sich „demokratiegeile Bürger“ (© Josef Cap) an J. W. Goethe erinnern: „Da wendet sich der Gast mit Grausen.“

 

 
 

Abstimmungsverzeichnis

Rechtsgrundlagen

Sendereihe Demokratie

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