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Manifest für ein demokratisches Europa Drucken E-Mail
Mittwoch, 20. August 2008 um 16:39

Eine Gruppe kritischer WissenschaftlerInnen hat die Krise aufgrund des ablehnenden irischen Referendums zum Anlass genommen, um mit dem „Manifest für ein demokratisches Europa“ eine demokratische Diskussion anzuregen und konkrete Lösungen anzubieten. Kernaussage des Manifests: Ein ökologisches, soziales, zukunftsfähiges und menschenfreundliches Europa kann nur auf dem Weg verbesserter Demokratie erreicht werden und nicht über den Abbau von Demokratie.

Dieses Manifest hat teilweise heftige Reaktionen ausgelöst (Sonja Puntscher Riekmann, Demokratie: Anspruch oder Vorwand? Die Presse, 17.07.2008; Rudolf Lennkh, Warum die Manifest-Autoren sich irren, Die Presse, 31.07.2008). Univ.Prof. Erwin Bader, Initiator des Manifests, geht auf diese Reaktionen ein und rät, die Krise als Chance für eine Demokratisierung der EU zu sehen.

Wir kommen Erwin Baders Aufforderung, das Manifest zu verbreiten, sehr gerne nach und dokumentieren das Manifest sowie Baders Replik, um damit einen Beitrag zur weiteren sachlichen und respektvollen Auseinandersetzungen mit dem Manifest zu leisten.

 


Manifest für ein demokratisches Europa

Die Presse, 16.07.2008

Angesichts der Krise der Europäischen Union nach dem Nein Irlands zum Vertrag von Lissabon fordern wir alle Beteiligten zu einer sachlichen und respektvollen öffentlichen Diskussion auf. Ein Ausweg aus der gegenwärtigen Krise kann nur durch Stärkung der demokratischen Kultur gefunden werden. Die Unterdrückung der kritischen Öffentlichkeit vertieft nur die Krise. Dieses Manifest versteht sich als Beitrag zu einer demokratischen Diskussion und bietet konkrete Lösungen an.

 

Respekt vor der demokratischen Kultur Irlands

Die Volksabstimmung in Irland ist Ausdruck demokratischer Kultur. Das schätzen wir.

Wir respektieren die Willensentscheidung der irischen Bevölkerung über den Vertrag von Lissabon. Sie ist der Souverän und verdient Respekt für ihre legitime Willensäußerung, wie jeder Souverän.

Wir weisen jeden Versuch zurück, diese demokratische Entscheidung des einzig befragten Souveräns zu diffamieren, zu ignorieren oder mit Abstimmungswiederholungen zu annullieren.

Wir kritisieren insbesondere die Herabwürdigung der irischen Bevölkerung dafür, dass sie ihr Recht auf Selbstbestimmung ausgeübt hat, das den anderen 26 Bevölkerungen verwehrt wurde.

Die jüngsten Umfragen (Eurobarometer) bezeugen, dass die Irinnen und Iren zu den europafreundlichsten Bevölkerungen zählen. Mehrheitlich abgelehnt wurde nicht die Mitgliedschaft zur EU, sondern deren Fehlentwicklungen, die im Vertrag von Lissabon zum Ausdruck kommen.

 

Sofortiger Ratifikationsstopp

Wir rufen in Erinnerung, dass schon der Plan A der Regierungen, der EU eine „Verfassung“ zu verleihen, 2005 klar am französischen und holländischen Souverän gescheitert ist.

Plan B der Regierungen war, den im Wesentlichen inhaltsgleichen Vertrag als „EU-Reformvertrag“ gegen den Willen von Mehrheiten ohne Volksabstimmungen durchzusetzen. Diese Strategie ist nun am einzigen Souverän, der abstimmen durfte, ebenfalls gescheitert. (In Österreich verstößt nach Auffassung der Unterzeichnenden die Ratifikation des Vertrages von Lissabon ohne Volksabstimmung gegen Art. 44 Abs. 3 des Bundes-Verfassungsgesetzes, das im Falle einer Gesamtänderung der Verfassung eine Volksabstimmung zwingend vorschreibt. Grundsätzlich ist in einer Demokratie in fundamentalen Entscheidungen der Souverän die letzte Instanz.).

Plan C prominenter EU-Politiker scheint nun zu sein, unbeirrt weiterzumachen. Das wäre nicht nur eine weitere Missachtung der Demokratie, sondern auch ein klarer Rechtsbruch. Der Vertrag von Lissabon besagt selbst, dass er nur in Kraft treten kann, sofern Ratifikationsurkunden von allen Mitgliedstaaten hinterlegt worden sind. Das ist nach dem Nein der Iren nicht mehr möglich. Daher sind jegliche Versuche, den Vertrag von Lissabon trotz des irischen Votums in Kraft zu setzen, schon im Ansatz abzulehnen.

 

Mehr Demokratie in der Europäischen Union

Die Reaktionen der Regierungen sind der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die vielen Menschen in der Union wachsendes Unbehagen bereitet: Die Regierenden vertreten in abnehmendem Maße die Interessen der Bevölkerung und immer mehr die Interessen einflussreicher Gruppen.

Die nicht demokratisch legitimierten EU-Institutionen dehnen die Kompetenzen der EU immer weiter aus und entziehen gleichzeitig den Bürgerinnen und Bürgern das Recht auf demokratische Mitgestaltung.

Insbesondere der radikale Vorrang der so genannten „Vier Grundfreiheiten“ vor sozialen, ökologischen und demokratischen Rechten; die Förderung von Gentechnik und Atomenergie sowie die im Vertrag von Lissabon festgeschriebene Aufrüstungsverpflichtung entsprechen in vielen Mitgliedsländern nicht dem Mehrheitswillen.

Ein Vertrag für 27 Länder mit ihren unterschiedlichen Geschichten, Traditionen, Kulturen, geografischen Gegebenheiten und Rechtssystemen ist ohne strenge Einhaltung des Subsidiaritätsprinzips zum Scheitern verurteilt.

 

Lösungsvorschläge

Die Ablehnung des Vertrags seitens der irischen Bevölkerung eröffnet die Chance eines demokratischen Ansatzes mit breiter Beteiligung und intensiver öffentlicher Diskussion über die Zukunft der EU.

Ein Nachfolgevertrag für den Vertrag von Nizza darf nur für Bevölkerungen gelten, die ihm nach einer ausführlichen öffentlichen, chancengleichen Erörterung aller Für und Wider direkt demokratisch zustimmen.

Ein gesamteuropäisches Referendum mit Mehrheitsentscheid ist keine Lösung, weil erstens keine Bevölkerung Europas bei einer derartig fundamentalen Entscheidung wie der Einschränkung der Souveränität überstimmt werden darf und weil es zweitens keinen gesamteuropäischen Staat und keine gesamteuropäische Öffentlichkeit gibt.

Die Anzahl der zustimmenden Souveräne würde steigen und könnte alle 27 der Europäischen Union umfassen, wenn der Nachfolgevertrag im Rahmen eines direktdemokratischen Prozesses von einer durch demokratische Wahlen legitimierten gesamteuropäischen Versammlung ausgearbeitet würde.

Ein wünschenswertes Ergebnis dieser Versammlung wäre, dass soziale, ökologische und demokratische Rechte Vorrang vor Wirtschaftsfreiheiten erhielten, wobei einzelne Länder als Vorreiter höhere soziale und ökologische Standards durchsetzen könnten.

Der Staat und die Parteien werden aufgefordert, eine wirklich freie Meinungs- und Willensbildung zuzulassen und zu fördern, auch hinsichtlich möglicher (wohlbegründeter, nicht bloß populistischer) EU-skeptischer Standpunkte.

Außerdem sollte die Übertragung von Souveränitätsrechten an die EU jederzeit durch Referenden in den Mitgliedstaaten revidiert werden können.

Ein ökologisches, soziales, zukunftsfähiges und menschenfreundliches Europa kann nur auf dem Weg verbesserter Demokratie erreicht werden und nicht über den Abbau von Demokratie.

 

Das „Manifest für ein demokratisches Europa“ wurde von einer Gruppe kritischer WissenschaftlerInnen verfasst und wird von folgenden Personen unterstützt:

Hans Peter Aubauer, Physiker, Uni Wien

Peter Bachmaier, Osteuropaexperte, Wien

Erwin Bader, Philosoph, Uni Wien

Heinz Barta, Jurist, Uni Innsbruck

Christian Felber, Attac, WU Wien

Alfred Haiger, Agrarökonom, Boku Wien

Max Haller, Soziologe, Uni Graz

Adrian Hollaender, Jurist, Uni Wien, Uni Klausenburg, IU Vienna

Gerhard Jagschitz, Historiker, Uni Wien

Hans Köchler, Philosoph, Uni Innsbruck

Hermann Knoflacher, Verkehrsplaner, TU Wien

Hans Kohlmaier, Zentralbetriebsratsvorsitzender

Wolfgang Kromp, Risikoforscher, Uni Wien

Helga Kromp-Kolb, Meteorologin, Boku Wien

Peter Moeschl, Arzt, MedUni Wien

Anton Moser, Biotechnologe, TU Graz

Heinrich Noller, Physikochemiker, TU Wien

Andreas Novy, Regionalökonom, WU Wien

Petra Seibert, Meteorologin, Boku Wien

Raimund Sobotka, Sportpädagoge, Uni Wien

Bernhard Ungericht, Betriebswirt, Uni Graz

Claudia v. Werlhof, Politologin, Uni Innsbruck

Peter Weish, Humanökologe, Uni Wien

Ernst Florian Winter, Politologe, Dipl. Akad. Wien/Pristina

Heinrich Wohlmeyer, Agrar- und Umweltökonom, Boku Wien

 

 

Erwin Bader (Univ.-Prof. für Philosophie an der Universität Wien)

Wo bleibt der demokratische Fortschritt?

Die Presse, 07.08.2008

Die Diskussion dieses Manifests einer interdisziplinären Gruppe hat begonnen. Gegen die herrschende Meinung, also die Meinung der Herrschenden, zu sprechen, ist stets ein Wagnis, und jede Wende zum Besseren musste sich historisch gegen beharrende Kräfte durchsetzen. Wir haben es gewagt und freuen uns über die bisherigen Reaktionen. Als Initiator des Manifests und in kurzfristiger Abstimmung mit den Mitautoren (soweit möglich) versuche ich in aller Kürze ein paar Antworten aus meiner Sicht:

Das Manifest hat nach dem Votum in Irland darauf reagiert, dass die Krise der EU endlich auch für jene sichtbar wurde, die den Irrweg der Nicht-Einbeziehung der Bevölkerung beschönigen. Man sollte die Krise als Chance zu einer Demokratisierung der EU sehen. Dass manche ein anderes Verständnis von Demokratie haben als wir, ist uns nicht unbekannt; wir bleiben aber dabei, dass die demokratische Ordnung nicht auf Spielregeln reduziert werden darf, die abgeändert werden, wenn z.B. in Irland, das als einziger Staat der Bevölkerung eine Volksabstimmung zubilligte, „falsch“ abgestimmt wurde.

 

Auch das Wahlrecht wurde erkämpft

Der Bürger will als Souverän beachtet werden. Auch das Wahlrecht musste erst erkämpft werden; nun geht es um mehr Respekt vor der Bevölkerung. Ist der Vertrauensschwund der Großparteien noch nicht groß genug? Die repräsentative Demokratie muss endlich durch direktdemokratische Elemente gestärkt werden.

Wo bleibt der Fortschritt seit der Antike? Für Plato bestand die Fähigkeit zur Staatsführung vor allem in der Gerechtigkeit; die Urteilsfähigkeit über diese habe Zeus an alle Menschen gleich verteilt. Da sich aber jene, die herrschen wollen, gern den bloßen Anschein der Gerechtigkeit geben, verlangten die Athener – so erklärte er –, dass man zu allen politischen Entscheidungen alle fragen muss. Weil das im modernen Großstaat nicht geht, ist es umso wichtiger, dass Regenten Diener des Volkes (vgl. Mk 10, 42) sind. Nach Ernst Fraenckel, dem Klassiker der Politikwissenschaft, ist die freie Meinungs- und Willensbildung noch wichtiger als alle Einrichtungen und jedes Gesetz. Die Kompetenz-Kompetenz bleibt beim Souverän, d.h., was wichtig ist, also auch die Verfassung, soll von der Bevölkerung und nicht über sie hinweg entschieden werden. In den USA fordert Benjamin Barber mehr partizipatorische Rechte; und was ist mit der EU?

Das Demokratiedefizit der EU ließe sich auch durch den Lissabonner Vertrag nicht beheben, da es keine gesamteuropäische Öffentlichkeit gibt. Das Europaparlament darf ja weiterhin keine Gesetze initiieren etc. Jürgen Habermas betont, dass auch eine Aufwertung des Europaparlaments das Demokratiedefizit der EU nicht beseitigen könne, weil die nationalen Öffentlichkeiten europäische Themen in der Meinungsbildung vernachlässigen und weil sich die nationalen Öffentlichkeiten bei europäischen Themen erst einmal füreinander öffnen müssten. Daher können die EU-Bürger auch eine relativ gestärkte Stellung des Parlaments nicht wirklich nützen.

 

Die Person hat Vorrang vor dem Kapital

Man darf die Probleme der EU nicht tabuisieren und eine solche Haltung als die angebliche Europa-Gesinnung einfordern. Da ist zum Beispiel das soziale Defizit. Dieses kann erst behoben werden, wenn die Demokratie, die „Herrschaft der Ärmeren“ (Aristoteles) durch plebiszitäre Elemente gestärkt wird. Das heißt auch, dass sich die vier Grundfreiheiten an der sozialen Verantwortung und Nachhaltigkeit orientieren müssen und nicht umgekehrt. Freiheit ist grundsätzlich unteilbar und bedeutet die durch das Recht vor Machtwillkür geschützte Würde der Person. Zur „Freiheit des Kapitalverkehrs“ sollte aber mit John Rawls betont werden, dass soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten nur dann gerechtfertigt sind, wenn die Ärmsten und Schwächsten dadurch einen Vorteil haben. Für manche mag der Vorrang der Person vor dem Kapital Unsinn sein, für uns aber nicht.

Das Manifest ist nicht gegen die EU, sondern für eine Reform Europas, etwa durch einen besseren Vertrag, um die Probleme der Globalisierung effektiver und gerechter zu lösen und um die EU im Inneren demokratischer zu gestalten. Ein Vertrag ohne Klarheit kann leicht missbraucht werden; und ohne die Zustimmung der Bevölkerung ist jedes Gerede von Demokratie sinnlos. Diese und alle anderen Probleme und Belange der EU sollen offen diskutiert werden wie jedes andere Thema. Denn ohne Offenheit gibt es keine Öffentlichkeit.

Die Politiker sind nur mit bedingungsweise übertragener Macht ausgestattet und die politische Elite möge begreifen, dass gemeinsame Entscheidungen der ganzen Bevölkerung tragfähiger sind. Das könnte der Geist eines neuen EU-Vertrags sein, dann würden alle mündigen Bürger auf breiter Basis Maßnahmen zur Bewältigung kommender Krisen suchen. Die Bevölkerung muss einbezogen werden und gemeinsam klären, jeder Einzelne vor dem Hintergrund seines Fachgebietes, welche Maßnahmen Probleme lösen – und welche eher Probleme schaffen.

Lesen und verbreiten Sie also das Manifest!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 

Abstimmungsverzeichnis

Rechtsgrundlagen

Sendereihe Demokratie

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